Mückenschicksal

Biologie und Poesie

Impulse für induktives Lernen
Mückenschicksal
Foto: Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser

Zur didaktischen Funktion von Poesie im Biologieunterricht

von Dr. Karl Porges

Oft geht von Naturereignissen eine Wirkung aus, die uns Menschen in Bewunderung und Staunen versetzt. Der Regenbogen, die Polarlichter, das Abendrot oder auch das Herbstlaub, der Vogelzug und das Erblühen von Pflanzen sind nur einige wenige Beispiele, die trotz ihrer Wiederkehr eine Einmaligkeit besitzen und die uns in unserer ästhetischen und emotionalen Empfindung tief berühren können. Physikalische, chemische und biologische Phänomene sowie das Leben an sich, sind in ihrer Wirkung auf einen Teil des Lebens selbst – auf den Homo sapiens – poetisch. Es wundert daher nicht, dass sie in vielfältiger Weise Eingang in die die schönen Künste gefunden haben.

Das Interpretieren und Schreiben von Gedichten kann im Biologieunterricht eine verbindende und vertiefende Rolle spielen. Es ermöglicht durch induktives Lernen einen emotionalen und kreativen Zugang zu biologischen Themen und ergänzt sachliche Inhalte um persönliche Wahrnehmung und Reflexion. Dadurch lassen sich Naturphänomene, Lebensprozesse und ökologische Zusammenhänge anschaulich und eindrucksvoll darstellen. Zudem fördert es Sprach- und Gestaltungskompetenz, Beobachtungsfähigkeit und Achtsamkeit gegenüber der Natur und trägt so zu einem ganzheitlichen Verständnis biologischer Inhalte bei.

Mögliche didaktische Funktionen für den Einsatz im Biologieunterricht sind:

  • Motivation und Einstieg: Gedichte eignen sich als emotionaler und lebensweltlicher Einstieg in biologische Themen wie Jahreszeiten, Pflanzen oder Tiere.
  • Förderung der Beobachtungskompetenz: Das Schreiben von Gedichten sowie deren Interpretation schult genaues Beobachten und Wahrnehmen natürlicher Phänomene.
  • Vertiefung von Fachinhalten: Biologische Prozesse und Zusammenhänge können verdichtet und reflektiert dargestellt werden.
  • Sprachliche und kreative Förderung: Gedichte verbinden Fachlernen mit Sprachbildung und kreativem Ausdruck.
  • Reflexion und Nachhaltigkeitsbildung: Sie regen zum Nachdenken über Mensch-Natur-Beziehungen und einen achtsamen Umgang mit der Umwelt an.

Damit unterstützt ihr Einsatz einen ganzheitlichen, kompetenzorientierten Biologieunterricht.

In der Reflexion mit Gedichten oder anderen künstlerischen Formaten wie bspw. Filmen, Abbildungen, Zeichnungen etc. lohnt auch stets die biologische Korrektheit zu prüfen. Vgl. dazu u. a. Gachet, E. & Porges, K. (2024): "Ich protestiere im Namen der Tiere!" Biologische Fehldarstellungen in der Kinderliteratur. In: Porges, K., Gachet, E., Hoßfeld, U. (Hrsg.): Biologie und Literatur, S. 147-164.Externer Link 

  

 


 

Gedichte und Aufgabenstellungen - ein Beispiel

Zwetschge

Foto: Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser

 

Zwetschge

 

Zwetschgen ess ich gerne

am liebsten ohne Kerne.

Der blauen Früchte Baum

ein kleiner Gartentraum.

 

Auf Kuchen schmecken sie

so gut wie Poesie.

Doch keck vom Ast gepflückt

hab ich das beste Stück.

 

Gedicht aus Porges, Karl (2022): Ein Mückenschicksal und weitere heitere Gedichte. Mit Illustrationen von Viktoria Munk-Oppenhäuser. Arnstadt. THK-Verlag.Externer Link

Siehe dazu auch die Illustrationen von Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser.

 

AUFGABEN

 Pflanze kennenlernen: „der blauen Früchte Baum“

  • Ordne den Zwetschgenbaum systematisch ein (Reich, Familie, Gattung, Art).

Fortpflanzung und Verbreitung: „am liebsten ohne Kerne“

  • Zeichne und beschrifte die Frucht (Fruchtschale, Fruchtfleisch, Steinkern, Samen)
  • Erläutere den biologischen Unterschied zwischen „Kern“ und „Samen“.
  • Beschreibe, wie Zwetschgen in der Natur verbreitet werden.

Mensch und Kulturpflanze: „ein kleiner Gartentraum“

  • Recherchiere, seit wann und in welchen Gebieten der Mensch Zwetschgen kultiviert.
  • Nenne mindestens drei Produkte, die aus dieser Frucht hergestellt werden.
  • Diskutiere den Einfluss des Menschen auf Züchtung und Sortenvielfalt.
  • Begründe, warum Obstbäume wichtig für die Biodiversität sind.

  

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Haiku - Momente aus der Natur in Silben fassen

Ein Haiku ist eine kurze japanische Gedichtform. Es besteht aus drei Zeilen mit insgesamt 17 Silben:

1. Zeile: 5 Silben
2. Zeile: 7 Silben
3. Zeile: 5 Silben

Typisch für ein Haiku ist, dass es einen Moment aus der Natur oder dem Alltag einfängt – oft verbunden mit den Jahreszeiten – und eine ruhige, nachdenkliche Stimmung erzeugt. Reime sind dabei nicht nötig; wichtig ist die klare, bildhafte Sprache.

Die Jahreszeiten selbst spielen eine wichtige Rolle im Biologieunterricht, da sie den Einfluss von Umweltfaktoren auf Pflanzen, Tiere und den Menschen verdeutlichen. An ihnen lassen sich biologische Prozesse wie Wachstum, Fortpflanzung, Migration und Anpassung an wechselnde Bedingungen anschaulich erklären. Zudem fördern sie das Verständnis für ökologische Zusammenhänge und den Rhythmus der Natur.

Die folgenden Haiku sind aus dem Buch: Wogawa, S. & Porges, K. (2022): Der knorrige Baum. Arnstadt: THK-Verlag.Externer Link

Siehe dazu auch die Zeichnungen von Carla Porges.

 

Frühling

Frühling

Foto: Carla Porges

Im grünen Blattwerk,

versteckt zwischen den Zweigen,

singt ein Zaunkönig.

 

Roter Apollo –

deine Verwandlung ins Licht

ist selten und schön.

 

Zwischen den Badlands

haben wir dich gefunden,

Frühlingsadonisröschen.

    

 

Sommer

Sommer

Foto: Carla Porges

Goldener Weizen –

doch du liebst die Kornblumen

am Wegesrand.

 

Sternschnuppennächte.

Luftmoleküle leuchten

in der Dunkelheit.

  

Abendspaziergang.

Über den Wiesen fliegen

kleine Leuchtkäfer.

  

 

Herbst

Herbst

Foto: Carla Porges

Goldener Herbstwald.

Farbige Blätter fallen

leise zur Erde.

  

Zwischen den Wurzeln,

unter Moos versteckt, stehen

essbare Pilze.

  

Im Schrebergarten.

Ein dicker, runder Kürbis

thront auf dem Kompost.

 

 

Winter

Winter

Foto: Carla Porges

Neuschnee.

Knirschend brechen Eiskristalle

unter meinem Gewicht.

  

Ich liege im Schnee.

Schwer atmend genieße ich

die weiße Kälte.

 

Eisschicht am Fenster –

dein warmer Atem schmilzt uns

Gucklöcher ins Glas.