Zur didaktischen Funktion von Poesie im Biologieunterricht
von Dr. Karl Porges
Oft geht von Naturereignissen eine Wirkung aus, die uns Menschen in Bewunderung und Staunen versetzt. Der Regenbogen, die Polarlichter, das Abendrot oder auch das Herbstlaub, der Vogelzug und das Erblühen von Pflanzen sind nur einige wenige Beispiele, die trotz ihrer Wiederkehr eine Einmaligkeit besitzen und die uns in unserer ästhetischen und emotionalen Empfindung tief berühren können. Physikalische, chemische und biologische Phänomene sowie das Leben an sich, sind in ihrer Wirkung auf einen Teil des Lebens selbst – auf den Homo sapiens – poetisch. Es wundert daher nicht, dass sie in vielfältiger Weise Eingang in die die schönen Künste gefunden haben.
Das Interpretieren und Schreiben von Gedichten kann im Biologieunterricht eine verbindende und vertiefende Rolle spielen. Es ermöglicht durch induktives Lernen einen emotionalen und kreativen Zugang zu biologischen Themen und ergänzt sachliche Inhalte um persönliche Wahrnehmung und Reflexion. Dadurch lassen sich Naturphänomene, Lebensprozesse und ökologische Zusammenhänge anschaulich und eindrucksvoll darstellen. Zudem fördert es Sprach- und Gestaltungskompetenz, Beobachtungsfähigkeit und Achtsamkeit gegenüber der Natur und trägt so zu einem ganzheitlichen Verständnis biologischer Inhalte bei.
Mögliche didaktische Funktionen für den Einsatz im Biologieunterricht sind:
- Motivation und Einstieg: Gedichte eignen sich als emotionaler und lebensweltlicher Einstieg in biologische Themen wie Jahreszeiten, Pflanzen oder Tiere.
- Förderung der Beobachtungskompetenz: Das Schreiben von Gedichten sowie deren Interpretation schult genaues Beobachten und Wahrnehmen natürlicher Phänomene.
- Vertiefung von Fachinhalten: Biologische Prozesse und Zusammenhänge können verdichtet und reflektiert dargestellt werden.
- Sprachliche und kreative Förderung: Gedichte verbinden Fachlernen mit Sprachbildung und kreativem Ausdruck.
- Reflexion und Nachhaltigkeitsbildung: Sie regen zum Nachdenken über Mensch-Natur-Beziehungen und einen achtsamen Umgang mit der Umwelt an.
Damit unterstützt ihr Einsatz einen ganzheitlichen, kompetenzorientierten Biologieunterricht.
In der Reflexion mit Gedichten oder anderen künstlerischen Formaten wie bspw. Filmen, Abbildungen, Zeichnungen etc. lohnt auch stets die biologische Korrektheit zu prüfen. Vgl. dazu u. a. Gachet, E. & Porges, K. (2024): "Ich protestiere im Namen der Tiere!" Biologische Fehldarstellungen in der Kinderliteratur. In: Porges, K., Gachet, E., Hoßfeld, U. (Hrsg.): Biologie und Literatur, S. 147-164.Externer Link
Gedichte und Aufgabenstellungen - ein Beispiel
Zwetschge
Foto: Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser
Zwetschge
Zwetschgen ess ich gerne
am liebsten ohne Kerne.
Der blauen Früchte Baum
ein kleiner Gartentraum.
Auf Kuchen schmecken sie
so gut wie Poesie.
Doch keck vom Ast gepflückt
hab ich das beste Stück.
Siehe dazu auch die Illustrationen von Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser.
AUFGABEN
Pflanze kennenlernen: „der blauen Früchte Baum“
- Ordne den Zwetschgenbaum systematisch ein (Reich, Familie, Gattung, Art).
Fortpflanzung und Verbreitung: „am liebsten ohne Kerne“
- Zeichne und beschrifte die Frucht (Fruchtschale, Fruchtfleisch, Steinkern, Samen)
- Erläutere den biologischen Unterschied zwischen „Kern“ und „Samen“.
- Beschreibe, wie Zwetschgen in der Natur verbreitet werden.
Mensch und Kulturpflanze: „ein kleiner Gartentraum“
- Recherchiere, seit wann und in welchen Gebieten der Mensch Zwetschgen kultiviert.
- Nenne mindestens drei Produkte, die aus dieser Frucht hergestellt werden.
- Diskutiere den Einfluss des Menschen auf Züchtung und Sortenvielfalt.
- Begründe, warum Obstbäume wichtig für die Biodiversität sind.
--> Arbeitsblatt zum Downloadpdf, 251 kb
Haiku - Momente aus der Natur in Silben fassen
Ein Haiku ist eine kurze japanische Gedichtform. Es besteht aus drei Zeilen mit insgesamt 17 Silben:
1. Zeile: 5 Silben
2. Zeile: 7 Silben
3. Zeile: 5 Silben
Typisch für ein Haiku ist, dass es einen Moment aus der Natur oder dem Alltag einfängt – oft verbunden mit den Jahreszeiten – und eine ruhige, nachdenkliche Stimmung erzeugt. Reime sind dabei nicht nötig; wichtig ist die klare, bildhafte Sprache.
Die Jahreszeiten selbst spielen eine wichtige Rolle im Biologieunterricht, da sie den Einfluss von Umweltfaktoren auf Pflanzen, Tiere und den Menschen verdeutlichen. An ihnen lassen sich biologische Prozesse wie Wachstum, Fortpflanzung, Migration und Anpassung an wechselnde Bedingungen anschaulich erklären. Zudem fördern sie das Verständnis für ökologische Zusammenhänge und den Rhythmus der Natur.
Die folgenden Haiku sind aus dem Buch: Wogawa, S. & Porges, K. (2022): Der knorrige Baum. Arnstadt: THK-Verlag.Externer Link
Siehe dazu auch die Zeichnungen von Carla Porges.